Loveparade 2010 |
| Ein paar persönliche Gedanken, eingebettet zwischen Entsetzen, Fassungslosigkeit
und maßloser Enttäuschung. |
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| Eigentlich ein Wochenende wie viele andere auch |
Samstag, 24.07.2010, bis nachmittags zeichneten sich
für mich keine besonderen Vorkommnisse ab. Morgens ein paar Papiere
erledigen, mittags etwas essen, nachmittags dann einige kleine Einkäufe.
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| Es sollte eigentlich ein ruhiger Samstag werden wie viele andere auch.
Neben der Arbeit am PC lief das Fernsehgerät, ein paar Serien hier,
ein paar Nachrichten dort. |
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| Eine Eilmeldung im TV |
Alle paar Minuten warf ich einen kurzen Blick zum
TV-Gerät. Gegen 17:45 sah ich dann eine Eilmeldung am unteren Rand
verschwinden, wo ich im Augenwinkel etwas von der Loveparade gelesen hatte.
Diese Eilmeldung erschien noch einmal und ich konnte jetzt lesen, dass
es auf der Loveparade 2010 in Duisburg zu einem Unglück gekommen
sei. Es wurde von "10 Toten und vielen Verletzten" berichtet. |
Etwas irritiert machte ich weiter wie gewohnt, im
Grunde hatte ich eigentlich auch keinen direkten Bezug zu diesem Event.
Aber da ich diese Musik ab und zu selbst gerne höre machte mich das
für die Beteiligten ein wenig betroffen. Dennoch verweilte ich weiter
im Internet, weil ich auf der Suche nach Programmier-Tools war. Eine innere,
selten gekannte Unruhe liess mich aber immer wieder auf den TV-Bildschirm
schauen, um neues über dieses Unglück zu erfahren. |
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| Meine große Tochter |
Vielleicht vergingen so fünf Minuten, bis mir
meine große Tochter in den Sinn kam. Sie lebt seit einigen Monaten
bei ihrem Freund und ist auch ein Fan dieser Musikrichung. Auch war sie
schon auf zwei vorherigen dieser Events in Essen und Dortmund. Ursprünglich
wollte sie damals sogar nach Berlin, aber das hatte ich untersagt, weil
sie für so eine Reise meiner Meinung mit 15 bzw. 16 noch zu jung
war. Jetzt aber ist sie 20 und ich kann mich da kaum noch einmischen.
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War sie mitten in dieser Menschenmenge? Es konnte
natürlich sein, dass sie mit ihrem Freund zum Fußball war.
Denn der wiederum spielt selbst in einem bekannten Revier-Verein und für
ihn steht Fußball über vielen Dingen. Also schaute ich im Netz
nach, ob dieser Verein an diesem Wochenende ein Spiel absolvieren musste.
Aber da war nichts zu finden. Es ist ja auch noch Sommerpause in der Bundesliga
... und somit wurde mir so langsam bewusst, dass die beiden Kids tatsächlich
in Duisburg sein könnten. Ich versuchte meine Tochter auf ihrem Handy
anzurufen und habe auch eine SMS geschrieben. Keine Antwort. So langsam
kam in mir ein bisher nicht gekanntes Gefühl der Angst auf. |
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| Die aktuellen Nachrichten |
Es wurde 18:00 Uhr, die ausführlichen Nachrichten
flimmerten über den TV-Monitor. Dort wurden die ersten schrecklichen
Informationen und Bilder verbreitet, die meine Unruhe heftig steigen ließen.
Da ich immer noch keine Antwort von meiner Tochter hatte, suchte ich mir
die Rufnummer meiner Ex-Frau heraus, die mit unserer kleinen Tochter einige
100 km von mir entfernt lebt. Sie bestätigte mir was ich schon fast
befürchtet hatte, dass nämlich unserer "Große"
in Duisburg sei. Sie selbst hatte auch gerade eben von diesem Unglück
erfahren und hatte nur die Vorwahl der Noffall-Hotline auf dem Zettel.
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Ich hatte aber gerade eben im TV die komplette Rufnummer
erfahren und nannte sie meiner Ex-Frau. Daraufhin verabredeten wir uns,
unabhängig bei dieser Hotline anzurufen. Wer zuerst Infos bekam,
wollte den anderen entsprechend informieren. |
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| Zwei Stunden die ich nie vergessen werde |
Es begann eine Odyssee, die kaum in Worte zu fassen
ist. Alle paar Minuten versuchte ich, bei dieser Notfall-Hotline anzurufen.
Kein Erfolg, entweder besetzt oder gar nicht erreichbar. Auch meine Ex-Frau
meldete sich nicht, also hatte sie keine Informationen bekommen können.
Sie war sicherlich genau so an der Hotline gescheitert wie ich selbst. |
Parallel dazu suche ich im Netz nach weiteren Informationen,
sogar in der irrigen Annahme, dass da irgendwelche Namen veröffentlicht
sein. Fehlanzeige. Ausser der Botschaft, dass die Zahl der Toten und Verletzten
ständig anstieg, war nichts zu finden. Grauenhaft. |
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| Freundinnen meiner Tochter mit dem selben Musik-Geschmack |
Mir fielen in dieser Zeit einige Freundinnen meiner
Tochter ein. Allerdings hatte ich keine einzige Rufnummer von denen. Wie
blockiert grübelte ich über die Familien-Namen der Mädchen,
bis mir dann der erste endlich in Erinnerung kam. Nur war dort das Problem,
dass deren Eltern getrennt bzw. geschieden waren. Auch hatte ich keine
Vornamen der Eltern, um die richtige Nummer im Telefonbuch zu finden. |
Mir viel der Vorname einer weiteren Freundin ein.
Aber ich hatte null Ahnung, ob sie auch Techno-Fan war. Zum verrecken
kam ich nicht auf den Nachnamen, irgend etwas blockiert mich. Ich schaute
also in meiner Firmen-Datenbank nach, ob ich da irgend einen bekannten
Namen finden würde. Und ja, ich sah den Namen. In dem Moment als
ich ihn las, viel es mir wie Schuppen von den Augen. |
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| Mutter ohne Ahnung |
Da ich von einem Wohnungswechsel wusste, verglich
ich meine gespeicherte Nummer mit der im Telefonbuch. Sie stimmten überein
und ich erreichte die Mutter der Freundin meiner Tochter. Auf meine Frage,
ob sie von dem Verbleib und den Aktivitäten ihrer Tochter zum Wochenende
wusste, kam nur relative Unwissenheit zurück. Sie meinte, dass ihre
Tochter bei so einer komischen Kundgebung in Dortmund oder Duisburg sei.
Nach ein paar Sätzen stellte sich aber heraus, dass ihre eigene Tochter
ebenfalls auf der Loveparade sei. |
Fatal war aber, dass sie kein TV eingeschaltet hatte
und nichts von den aktuellen Ereignissen wusste. Ich brachte sie jedoch
schnell dazu, den Fernseher einzuschalten. Wie zufällig kam in diesem
Moment wieder eine aktuelle Nachricht aus Duisburg. Jetzt wurde sie auch
sehr unruhig. |
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| Das erlösende Telefonat |
Natürlich versuchte sie nun ebenfalls, ihre
Tochter zu erreichen. Nach einigem Hin und Her konnte sie ihre Tochter
in Duisburg erreichen und wusste schon mal, dass es zumindest ihr gut
geht. Sie bat sie dann, meine eigene Tochter irgendwie zu erreichen oder
zu suchen. |
Wieder vergingen endlose Minuten, aber es kam zurück,
dass meine Tochter wohlauf sei und sich gerade am Bahnhof in Duisburg
befinden würde. Mir viel schon mal eine große Last vom Herzen.
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| Ein Anruf vom Bahnhof direkt |
Gegen 20:00 Uhr klingelte dann bei mir das Telefon.
Meine Tochter war dran. Man merkte ihr sehr leicht an, dass sie vollkommen
unter Stress stand. Im Bahnhof muss es chaotisch gewesen sein, neben ihr
direkt auch noch Schlägerei und ähnliches. Auch wurde der Bahnverkehr
oft unterbrochen, weil die Leute über die Gleise liefen. Sie fühlte
sich wie Vieh in einem Schlachthof. |
Ebenso wurde die Verbindung oftmals unterbrochen,
das gesamte Telefon- und Handy-Netz rund um Duisburg brach zeitweise vollkommen
zusammen. Immerhin wusste ich nun, dass es meiner Tochter relativ gut
ging und sie irgendwie auf dem Heimweg war. Somit konnte ich meiner Ex-Frau
auch diese relativ beruhigend Nachricht übermitteln. Zwei Stunden
Horror pur. Ein paar Stunden später rief sie dann noch einmal an,
dass sie wohlbehalten daheim angekommen sei. |
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| Überreaktion eines unbeteiligten Menschen |
Am selben Abend traf mich dann trotzdem noch ein
Hammer, und er kam aus einer vollkommen unerwarteten Ecke. Es wurde darüber
diskutiert, ob eine entsprechende Trauermeldung auf der Startseite einer
Firmen-Homepage untergebracht werden soll. Da diese Homepage nun so rein
gar nichts mit Musik zu tun hatte, kamen mir einige Bedenken und ich stellte
diese Meldung in Frage. Auch in Bezug darauf, weil noch gar keine konkreten
Aussagen und Statements von der Loveparade selbst mit Sicherheit gefestigt
waren. |
Diese Infragestellung handelte mir vollkommen unerwartet
einen Rüffel ein, der von Oberflächlichkeit, Gefühlsarmut
bis Eiseskälte reichte. Wie vom Blitz getroffen entbrandete ein geschmackloser
Streit, wo die Sachlichkeit restlos auf der Strecke blieb. Da wurden von
meinem Gegenüber plötzlich Erlebnisse von vor 20 Jahren auf
den Tisch gebracht, die mit der aktuellen Sache nun so rein gar nichts
zu tun hatten. Und da mein Gegenüber noch nichtmals auf der Loveparade
war und auch niemand aus dem eigenen Umfeld daran beteiligt war, kam mir
das ganze wie ein hysterischer Anfall vor, der lediglich den eigenen Jammer
über alles hinwegheben sollte. |
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| Die Entwicklung der Unglückszahlen |
Mittwoch, 28.07.2010. Seit dem Samstag sind nur vier
Tage vergangen, und die Zahlen der Toten und Verletzten auf der Loveparade
stieg bis heute an. Von dem oben genannten indirekten Rüffel bezüglich
Gefühlskälte und Oberflächlichkeit habe ich mich bis heute
noch nicht wirklich erholt. Es nagt mächtig an mir, mächtiger
als ich es noch am Anfang geahnt hatte. Vor allen Dingen weil dieser Vorwurf
unberechtigt war und nur aus einer hysterischen Einstellung heraus als
wilde und unkontrollierte Aktion entstanden ist. |
Wieder kam bezüglich der Firmen-Homepage das
Thema Trauermeldung auf den Tisch. Es wurde mit einem Hinweis unterstrichen,
dass auf einer bestimmten Homepage eines Web-Radios doch auch diese Meldung
sei. Ich hatte mich gut im Griff und bin da nicht drauf eingegangen. Dennoch
veranlasste mich diese Sache, auf die Suche zu gehen nach Web-Radios und
andere Homepages, wo so eine Meldung hinterlegt ist. |
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| Die Ergebnisse |
Tatsache ist, dass auf den allgemeinen großen
Portal-Homepages keine spezielle Trauermeldung untergebracht ist. Zumindest
habe ich keine gefunden. Ebenso in den von mir besuchten großen
User-Communities habe ich nichts gefunden. In den meisten Fällen
habe ich nur eine (immer schon vorhandene) Nachrichten-Box gefunden, die
am Rande darauf hinwies. Ohne Bezug auf die persönliche Einstellung
der Betreiber. Auf bestimmt 100 grossen Firmenseiten habe ich auch keinen
einzigen Hinweis dazu gesehen. Sogar auf Portalen wo es um Musik-Charts
und Instrumente-Verkauf geht war nichts zu finden. |
Einzig und allein auf einigen Städte-Portalen
im Ruhrgebiet wurde eine entsprechende Nachricht hinterlegt. Allen voran
natürlich Essen und Dortmund, wo die Loveparade schon glücklich
ablief - und natürlich auch Duisburg selbst mit einer entsprechend
eingerichteten Startseite. |
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| Meldungen in den Web-Radios |
Hier, in den kleinen und größeren Web-Radios,
sollte doch eigentlich am ehesten darüber etwas zu finden sein. Ich
habe 100 Stück davon besucht und hier sind die Zahlen: |
| Besuchte Web-Radios: 100 |
| Davon Web-Radios mit einer Trauer-Meldung: 10 |
Von diesen 10 Seiten reichten die Meldungen von einem
kleinen, nichts sagenden und auch leicht zu übersehendem Satz, bis
hin zu größeren Laufschriften oder Grafiken, die mit bewegten
Kerzen und ähnlichem bestückt waren. |
Bei dem einen weiter oben erwähnten Web-Radio,
wo diese Meldung "wie selbstverständlich" drauf war, schaffte
es der Web-Master nicht, die steigenden Zahlen der Opfer ohne einen Schreibfehler
zu hinterlegen. |
Bei drei anderen Web-Radios war lediglich eine Trauermeldung
von einem kürzlich durch einen Autounfall verstorbenen Schlager-Sänger
enthalten, den ich selbst nicht kannte. |
Ein Web-Radio hatte eine Meldung zur Loveparade direkt
über einer Ankündigung einer Muppet-Show platziert, so dass
man hier erst mal sortieren musste, ob das getrennt oder zusammengehörig
war. |
Nur EIN EINZIGES Radio hatte eine meiner Meinung
nach seriöse und feinfühlige Meldung hinterlegt. |
Ein einziges anderes Radio hatte selbst Verluste
durch die Loveparade zu beklagen. |
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| Ich bin traurig |
| Ich bin traurig, dass es auf der Loveparade 2010 zu solch einem Unglück
gekommen ist. |
Ich bin traurig, dass in Zukunft auf diesen Event
verzichtet wird, aber ich verstehe es voll und ganz |
Ich bin traurig und wütend darüber, dass
MIR als indirekt Beteiligter ein Vorwurf der Gefühlskälte untergeschoben
worden ist. Sicherlich haben meine Tochter und zwangsläufig ich auch
einmal "Glück" gehabt. Aber es berechtigt NICHT dazu, mir
Eiseskälte und Oberflächlichkeit unterzuschieben. |
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| Ich bin wütend |
Ich bin wütend darüber, warum manche sich
zu Verarbeitung ihres eigenen Gefühls-Chaos solcher Anlässe
bedienen und andere dazu drängen wollen, ihren Weg einzuschlagen
oder sie zu Dingen zu nötigen, die aus diversen Ansichten heraus
nicht gewollt sind. |
Und auch darüber bin ich wütend, dass es
sogar eine prominente Frau in Deutschland gibt, die sich über dieses
Unglück auf der Loveparade scheinbar freut! Zitat: "Die Loveparade
ist in Wahrheit eine riesige Drogen-, Alkohol- und Sexorgie, geplant,
genehmigt und zum Teil finanziert von der Stadt Duisburg und NRW."
Weiter unten stand dann "Eventuell haben hier ja auch ganz andere
Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende
zu setzen." Auch DAS musste ich bei meiner Arbeit entdecken. |
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| Zusammenfassend |
Ich bin bestürzt und erschüttert über
die Ereignisse auf dieser Loveparade in Duisburg. Als indirekt Beteiligter
mit "Glück" fühle ich mich gerade deswegen den hinterbliebenen
Familien in diesen schweren Tagen der Trauer verbunden. Mein Mitgefühl
und meine aufrichtige Anteilnahme gelten an dieser Stelle den Opfern und
ihren Angehörigen. Allen noch Verletzten wünsche ich eine baldige
Genesung und allen anderen Betroffenen die Kraft, die sie jetzt zur Bewältigung
dieser Ereignisse dringend benötigen. |
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| Rudolf Albrecht |